Paris

Paris 1995. Radio Nova, eine Dachterrasse im Sonnenuntergang – und ein Publikum, das Rap feierte wie nie zuvor.

Paris

1995 wurde ich nach Paris eingeladen – zur Soul Circus Labelparty. Dort sollte ich ein paar Platten auflegen, während Menelik sein Debütalbum Phénoménélik präsentierte. Das Album erschien über Jimmy Jay Records / Soul Circus – dem Label aus dem Umfeld von MC Solaar, der ebenfalls auf der Party war.

Es war mein erster Besuch in Paris. Bis dahin kannte ich nur den Eiffelturm, Chanel und Geschichten von Liebespaaren an der Seine. Am Flughafen Charles de Gaulle nahm ich ein Taxi. Paris war wie London oder New York – eine Stadt der Gegensätze. HipHop fand man dort nur in bestimmten Vierteln, genau wie in Frankfurt, wo die Welt eher auf Techno und House schaute.

Bevor es in den Club ging, machte ich mit dem International PM einen Abstecher zur angesagtesten Radiostation von Paris – Radio Nova. Er organisierte ein Interview und ein 45-minütiges DJ-Set. Radio Nova bestand aus mehreren Stockwerken, voll mit Studios, in denen Sendungen produziert wurden. Viele internationale und nationale DJs gaben sich dort die Klinke in die Hand.

Dee Nasty, einer der legendärsten HipHop-DJs Frankreichs, arbeitete gerade in einem der Studios. Der PM erzählte mir, dass auch Cut Killer hier regelmäßig auflegte. 1995 war er bereits eine feste Größe, seine Mixtapes kursierten in Paris, und im gleichen Jahr schrieb er mit seinem Auftritt in La Haine Geschichte. Für mich war das eine neue Welt.

Nach der Show landeten wir auf einer Dachterrasse. Die Szene, Produzenten, Künstler und Radiomacher von Paris – sie alle waren dort. Von oben überblickte man die Silhouette der Stadt, getaucht in das Rot und Gelb des Sonnenuntergangs. Chillout-Musik lief leise im Hintergrund, süßlicher Rauch lag in der Luft, französische und englische Sprachfetzen mischten sich. Niemand wirkte gestresst. Es war eine Szenerie wie aus einem Film.

Der Club, in dem ich später spielte, war bis ins Detail designed, minimalistisch, offen. In Deutschland hätte man dort nur Schickimicki-Publikum gesehen. Hier war es anders. Geschmackvoll, modisch – Paris eben. Das Publikum feierte, was die Musik hergab. Als Menelik auf die Bühne kam, brach der Laden auseinander. Ich selbst hatte riesigen Spaß beim Auflegen – die Offenheit des Publikums ließ mich spielen, was ich wollte.

Am nächsten Tag besuchte ich vor meinem Abflug ein paar HipHop-Plattenläden. Überall Mixtapes, voll mit französischen Rappern. Da wurde mir klar: der französische Markt würde explodieren – und nach den USA zum zweitgrößten der Welt werden.


Credits:
Image: RMII Archiv, ina.fr
Text: RMII & Tobias Hoeft